Laudatio von Uwe Gegenmantel (freischaffender Künstler)

 

 

 

"Die Bilder von Andrea Westedt zeigen als Grundlage eine mit Ölfarben gespachtelte Struktur, die zumeist über die ganze Bildfläche verteilt ist. So entsteht eine reliefartige Dichte, eine Anmutung von der Originalität eines schweren Ölbildes im Gegensatz zu den Drucktechniken massenhaft reproduzierter Kaufhausgemälde, deren Oberflächen glatt und maschinell künstlich erscheinen und dementsprechend preisgünstig zu erwerben sind.

 


Andrea Westedts Bilder sind bewußt subjektiv und anfangs ungeschönte Arbeiten, die den Malprozess verdeutlichen, eine Suche nach Form in Übereinstimmung mit einer sich  im Arbeitsprozeß herauskristallisierenden Aussage, die logisch und evident wird, wenn Handwerk, Gedanke und Emotion eine Verbindung eingehen. Das heißt: Ein technisch sehr gut gemaltes "Blumenstillleben" kann leer und langweilig wirken, wenn Gedanke und Emotion fehlen, und umgekehrt können sehr gute Gedanken und Gefühle in einem handwerklich schlecht gemalten Bild nicht zur Wirkung kommen, wobei "handwerklich schlecht"
eine unvollständige Verbindung zwischen Idee und Ausführung meint.

 


In Andrea Westedts Arbeiten ist eine Kongruenz zwischen Maltechnik und Suche nach einer Aussage spürbar. Durch feine finale Beigaben wie Glitzersteine und Gold wird der Betrachter möglicherweise auf eine falsche Fährte gelockt und soll mit spektakuärer Schönheit anfangs verführt werden. Jedoch muten die darunter liegenden schweren Strukturen archaisch und mystisch an und erzeugen eine unbewußte Spannung, die die Malerin weiterführen wird."

 


Laudatio von Jan Doppel ( Universität Dortmund)

 

Ich möchte diesen Teil des Abends mit einem Auszug aus dem Gespräch des Archytas und des Platon über die Harmonie beginnen:

 

„Die Kugel ist der schönste Körper- sie ist der einzige Körper ohne Ecken, Kanten oder Beulen [...] Welche himmlische Harmonien erzeugen die Himmelskörper auf ihren Wegen? [...] Die Gestalt der Erde und aller anderen Himmelskörper konnten sie sich nur als äußerst vollkommene, makellose Körper vorstellen- und das waren allein Kugeln.“

 

Die Gestalt der Kugel, ihre Vollkommenheit und ihre Harmonie, auf welche Platon schon vor langer Zeit seine Gedanken und Mythen begründete, zeigt sich zum heutigen Zeitpunkt erneut, in den modernen Rezeptionen von Andrea Westedt.

In Dortmund geboren und in Lünen lebend, durch eine Vielzahl von Ausstellungen und Arbeiten repräsentiert und als Autorin der „Legende von Lünen an der Lippe“ in das Segment der Lyrik eingetaucht, ziehe sich, wie sie mir sagte, die Kreativität und Kunst „wie ein roter Faden durch ihr Leben“.

Ihr ist es wichtig mit ihrer Malerei ihre eigene Ethik, Spiritualität oder grade in dieser Ausstellung den „Esprit der Farbe“ auszudrücken und vor allem vermitteln zu können.

Es ist das Zusammenspiel der Farbe, Suggestion und Phantasie, welches dem Betrachter neben der Erkenntnis und der Hinführung zu einer positiven und harmonischen Lebenseinstellung, dennoch eine nahezu unerschöpfliche Interpretationsfreiheit eröffnet.

Man findet sich wieder in warmen, angenehmen, weichen Farben mit einem dennoch lebendigen und höchst expressiven Duktus, welcher aber nicht die Harmonie bricht, sondern Sie aufgreift und anregt. Es geht darum etwas entstehen zu lassen. Formen und Striche verändern sich während dem Betrachtungsprozess und bilden neue Wahrnehmungsstrukturen oder manifestieren sich innerhalb eines anderen Bildcharakters.

Schon zur Zeit der Stillleben war es die Suggestion und das Spiel mit der Wahrnehmung, welche sich zum dem sogenannten „Vergnügen für Gelehrte“ entwickelte.

Auch bei den Arbeiten Andreas geht es um die Freude am Suchen, Entdecken und Neuentdecken innerhalb des Wandels ihrer Bilder.

Ein dennoch stets wiederkehrender Bildinhalt ist die Kugel, welche wie wir anfänglich durch Platon gelernt haben, die Vollkommenheit beinhaltet und auch in Andreas Arbeiten dafür sorgt das nicht Chaos sondern Harmonie, die Reformation ihrer einzelnen Arbeiten bestimmt.

Das daraus entstehende Spektrum welches Einflüsse aus der Landschaftsmalerei, dem Portrait, dem Stillleben oder auch dem Kubismus beinhaltet, formiert sich zu eben dem bemerkenswerten Oeuvre, welches sich uns heute zeigt.

Ob es sich nun um die Abbildung eines alltäglichen Gedankengangs, das malerische Erfassen der Stadt Lünen oder ein Exposé zur Spiritualität der Natur handelt. All dies strebt einer Destination entgegen: Dem Wunsch eine positive Denkweise und Ethik in ihre Ursprünglichkeit begreifbar zu machen, damit der Betrachter von der Harmonie und dem „Geist der Farbe“ auch über die Betrachtung hinaus begleitet werden kann.